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Der Bootsmann

Usedom  -  die „Badewanne der Berliner“

Auf der Landkarte ist Usedom beim ersten Hinsehen gar nicht als Insel zu erkennen: lediglich das schmale blaue Band des Peenestroms auf dem Weg zu seiner Mündung in die Ostsee bei Peenemünde machen das 445 km² große Gebiet zum Eiland.



Kleiner geschichtlicher Exkurs


Größter Beliebtheit erfreut sich die Insel als Ziel badehungriger Touristen bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert, als die ersten Gäste vorrangig aus dem nahen Berlin an die weißen Ostsee-Strände pilgerten.

Der Kaiser tat´s seinem Volke gleich, und somit entstanden in enger Nachbarschaft die drei sogenannten Kaiserbäder Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck. Die Bäderarchitektur begeistert auch nach 200 Jahren das Klientel, und so drängt sich in den Sommermonaten, wie in alter Zeit, interessiertes Publikum an der längsten Strandpromenade Europas, die über 12 Kilometer die Kaiserbäder mit Swinemünde am äußersten Ostzipfel der Insel verbindet.

Der Nähe zu Berlin hat Usedom auch seinen Beinamen zu verdanken, und so hört man auch heute noch Kenner der Urlaubsregion (Anm.: ausnahmslos Gäste) über die „Badewanne der Berliner“ fachsimpeln. Die Einheimischen halten von derlei beiläufiger Spielerein wenig, die Themen sind um einiges pragmatischer, um nicht zu sagen existentieller: die Insel lebt fast ausschließlich vom Tourismus, und musste sich den heutigen Status regelrecht erkämpfen – oder hart erarbeiten passt vielleicht besser.

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 gingen die Nächtigungszahlen rapide nach unten – eine Folge ungeklärter Besitzverhältnisse und Nachfolgeregelungen. Die Arbeitslosigkeit erreichte in manchen Städten, wie Peenemünde, astronomische Ausmaße: bis zu 75% der Bevölkerung war ratlos, wie sie den Broterwerb sicherstellen sollte.

Tourismus heute und unsere Lieblings-Ziele

Bisweilen hat sich die Insel mit ihren Bewohnern ganz gut zurecht gefunden – Hotels und Beherbergungsbetriebe sind auf modernstem Stand herausgeputzt, zahlreiche Ferienwohnungen säumen auch noch so kleine Seitenstraßen, und wem Meer, Strand und Sonne nicht reichen, für den haben die Touristiker zahlreiche Betätigungsmöglichkeiten eingerichtet, sodass keine Ausrede geltend gemacht werden kann, die Langeweile würde einen plagen. Da gibt es Karl´s ErlebnisHof, eine Schmetterlingsfarm, eine Dinosaurier-Ausstellung, eine Schwarzlicht-Minigolf-Anlage (Phänomena bei Peenemünde) und dergleichen mehr.

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Unsereins überlässt derlei Attraktionen auch gerne mal andren Gästen, schnappt sich ein Buch, und sucht auf gesatteltem Drahtesel eine der ruhigen und bezaubernden Ecken am Achterwasser auf – sozusagen im Windschatten der Insel, dem Ufer, das dem Festland zugewandt ist, und nur durch den wenig befahrenen Peenestrom von selbigem getrennt ist. Eine dieser Ecken entdeckten wir beim Café Knatter in Ückeritz (Maps) – einen nahezu fremdartig wirkenden touristischen Betrieb auf Usedom. So findet man dort auf der Speisekarte eine brauchbare Auswahl an vegetarischen Gerichten, und wird von sanften Beats à la Café del Mar in den Sonnenuntergang begleitet. Dabei wundert es nicht, dass die Betreiber ursprünglich dem Berliner Trubel entflohen sind, und sich an diesem traumhaft schönen Abschnitt der Insel niedergelassen haben.

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Unweit vom Café Knatter, versteckt hinter dem kleinen Dorf Loddin, befindet sich Kiki´s Bootsverleih (Maps) – traditionelle Küche, gut gekühltes Bier, authentische Betreiber: und ein Sonnenuntergang, bei dem selbst Menschen, denen der Begriff „Romantik“ ein Fremdwort ist, zum Dahinschmelzen neigen.

Ähnlich bezaubernd, etwas abseits der Mainstream-Ostsee-Strände, wenngleich rustikaler: der kleine Naturhafen Rankwitz (Maps),  der mit traditioneller Fischräucherei zum mittäglichen Snack einlädt. (Die verstärkt touristische Version davon, dafür aber am Ostseestrand gelegen, wäre bei den sogenannten „Koserower Salzhütten“ im gleichnamigen Dorf zu finden (Maps) – die Fischbrötchen sind auch dort unvergesslich lecker, und sooo lange steht man dann auch nicht in der Schlange…).

Rankwitz liegt direkt am Peenestrom, doch bevor man diesen erreicht, passiert man eines unserer Lieblingsdörfer auf Usedom: Morgenitz (Maps). Unscheinbar eingebettet in die leicht hügelige Landschaft, umgeben von Feldern und Wäldern, begeistert dieser Ort mit Charme, den wir sonst in der Form nirgends auf der Insel finden konnten. Besonders lohnend finden wir einen Besuch bei Astrid Dannegger (Maps) in ihrer Keramikwerkstatt, wo auch alljährlich im Juli ein weitum bekannter Töpfermarkt abgehalten wird. (Anm.: 24 - 25. Juli 2021).

Auf dem Weg zurück zum Ostseestrand passiert man Mellenthin, eine mittelalterliche Siedlung, in deren Zentrum sich das Wasserschloss Mellenthin (Maps) aus dem 16. Jahrhundert befindet – das heute als modernes Hotel mit Restaurant, eigener Bierbrauerei und Kaffeerösterei liebevoll geführt wird. Eine mehr als brauchbare Alternative zu den überlaufenen Tourismus-Zentren an der Küste. In nächster Nähe befindet sich die Galerie Wittig-Weißensee (Maps), die eine Sammlung von Werken von auf der Insel ehemals schaffenden Künstlern präsentiert, zu denen unter anderem Lyonel Feininger und Otto Niemeyer-Holstein zählen. Zweiterem ist an der schmalsten Stelle der Insel, bei Koserow, das „Museum Atelier Niemeyer-Holstein“ (Maps) gewidmet, in dem das seit 1933 historisch gewachsene Ensemble von Wohnhaus, Atelier und Garten des Malers Otto Niemeyer-Holstein (1896 – 1984) mit der 2001 eröffneten „Neuen Galerie“ präsentiert wird.

Historisch maritim wird es im Nordostern der Insel: in Peenemünde (Maps) befinden sich gleich mehrere Highlights, die das Herz höherschlagen lassen. Zur Zeit der Weltkriege waren große Teile der Gegend militärisches Sperrgebiet, und einiges erinnert auch heute noch an die verschiedenen Schreckensherrschaften: so wurde im Historisch-Technischen Museum ein Raketenforschungszentrum betrieben, und etwas dahinter befand sich ein Militärflughafen, der heute von Sportflugzeugen bedient wird. Im beschaulich-quirligen Hafen selbst liegen zwei Museums-Schiffe, das ehemalige sowjetische U-Boot U-461 und das deutsche Marineschiff Hans Beimler. In unmittelbarer Nähe zu zweiterem findet man ein in einer ehemaligen Lagerbaracke liebevoll eingerichtetes nautisches Museum inklusive gut sortiertem Antik-, Bücher- und Souvenirladen. An der Mole ist ein rustikales Restaurantschiff festgemacht, dass auch die ostalgischen Besucher des spartanischen Campingplatzes bedient.


Der Erkundung der größten Stadt Usedoms, Swinemünde, widmen wir einen eigenen Beitrag, ebenso dem Lotsenhotel und der Hubbrücke bei Karnin.


Fazit


Usedom ist nicht zuletzt wegen der Nähe zu Berlin und damit unser kürzester Weg ans Meer, mehrmals im Jahr unser Ziel, wenn uns die Sehnsucht packt. Für ein erstes Kennenlernen der Insel würden wir einen Aufenthalt von einer Woche empfehlen – hat einen die Inselliebe einmal erfasst, richtet sich der Besuch ohnehin nach Lust, Laune und Verfügbarkeit!

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Steckbrief


  • 66 km lang und 24 km breit macht eine Fläche von 445 km², davon ein kleiner Teil in Polen
  • zweitgrößte Insel und zweitbeliebteste Urlaubsinsel Deutschlands
  • 76.500 Einwohner (davon mehr als die Hälfte im polnischen Hauptort Swinemünde)
  • liegt in der Pommerschen Bucht in der Ostsee, von Peenestrom und Stettiner Haff zur Insel gemacht
  • Schlagwörter: Kaiserbäder, Seebrücke, Achterwasser, Berliner Badewanne.
  • Unsere Highlights: Museum Atelier Niemeyer-Holstein (Lüttenort), Hafen Peenemünde, Café Knatter (Ükeritz), Hubbrücke und Hotel Lotsenturm (Karnin), Wasserschloss Mellenthin, Swinemünde.


Lese-Tipps


  • Richter, Hans-Werner: Reisen durch meine Zeit. Lebensgeschichten. Hanser, München 1989.
  • Richter, Hans-Werner: Deutschland deine Pommern – Wahrheiten, Lügen und schlitzohriges Gerede. Hinstorff, Rostock 2008.
  • Becht, Sabine: Usedom Reiseführer. Michael Müller Verlag, Erlangen 2020.
  • Sorges, Jürgen: MERIAN momente: Reiseführer Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern. Merian, Hamburg 2015.
  • Stamm, Jochen u.a.: Usedom: Die Entdeckung der Insel. Bildband, Edition Braus, Berlin 2020.
  • Hoffmann, Katrin u.a.: Usedom-Kochbuch: Rezepte & Geschichten zwischen Wolgast & Swinemünde. Strandläufer Verlag, Stralsund 2012.


Weblinks



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von Michael Moser-Rink 24. November 2020
Ausgehend von den Nord- und Ostseeküsten hat das Fischbrötchen längst seinen globalen Siegeszug angetreten, und ist selbst in den kulinarischen Bastionen der Weiß-, Curry- und Rostbratwurst oder der Leberkäs-Semmel anzutreffen, selbst in unmittelbarer Nachbarschaft eines Würstelstandes wird bisweilen herzhaft in ein gefülltes Brötchen des Nordens gebissen. Mein erstes Fischbrötchen durfte ich, quasi herkunftsgeschützt, in Husum genießen. Ein echter Klassiker, jedenfalls der Ort des Kaufes: das allseits bekannte Fischhaus Loof am Husumer Hafen (Maps) ist längst kein Geheimtipp mehr, und wird von Einheimischen wie Gästen gleichermaßen geschätzt. Leider kann ich mich nicht mehr an die Variante erinnern, die dem Brötchen eigen war. Fisch muss es gewesen sein. Oder zumindest irgendwas aus dem Meer.
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von Michael Moser-Rink 24. November 2020
Swinemünde ist eine Hafenstadt, die man mögen wird – wenn man gewillt ist, ihre authentische ehrliche Wirkung zuzulassen, ihre historische Entwicklung mitbedenkt, und bereit ist, als defensiver - um nicht zu sagen devoter - Beobachter Teil des beschaulichen Treibens zu werden.
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von Michael Moser-Rink 24. November 2020
Spricht man von Seemannsgarn, so meint man meist fantastische Geschichten und Legenden der Seefahrt mit nur beiläufigem Wahrheitscharakter, vergleichbar mit Sagen und Mythen. Das Erzählen von Seemannsgarn ist eine unter Seeleuten weit verbreitete alte Tradition. In früheren Zeiten der Seefahrt mussten fortlaufend unterschiedliche einfache Wartungstätigkeiten an Deck, meist bei schönem Wetter, vorgenommen werden. Dazu gehörten unter anderem das Ausbessern und Reparieren alten Tauwerks. Manche Trosse waren derart stark unter Mitleidenschaft gezogen worden, dass eine Reparatur nicht mehr lohnend erschien – man machte sich ans Recyclieren. (Ein erfahrener Seemann, seines Zeichens Chief Electrician auf einem modernen Kreuzfahrtschiff, hatte mich mahnend den Satz gelehrt: „Seamen don´t make garbage!“).
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